Wenn ich in Berlin unterwegs bin, erfreue ich mich an den imposanten Backsteingebäuden, in denen früher Brauereien saßen. Berlin war nämlich um 1900 der größte Bierproduzent Europas – mit 130 Brauereien. Allein Schultheiss betrieb neun Braustätten in der Stadt. Keine Ahnung, wer das ganze Zeug weggesüffelt hat … 😛 Auch Fabriken gab es en masse. Heute stehen sie leer, da Berlin bekanntermaßen fast ohne Industrie auskommt. Auch Elektrizitäts- und Umspannwerke werden in dieser Form nicht mehr gebraucht.

Viele Industriedenkmale liegen brach, einige werden neu genutzt. In die „Kulturbrauerei“ sind Künstler*innen, Kneipen und Geschäfte eingezogen, in der „Backfabrik“ (in der ich als Schülerin bei gefühlten 40 °C an der Toastbrotstrecke geschwitzt habe) findet man Büros und ein Fitnessstudio. In das alte Postfuhramt, früher Stallung für 250 Pferde, zog eine Ausstellung ein. Die Mälzerei in Pankow und die Schultheiss-Brauerei am Kreuzberg wurden in Eigentumswohnungen umgewandelt. Aus der ehemaligen Heeresbäckerei wurde eine Eventlocation.

Hohe Decken für hochfliegende Ideen

Start-ups und Kreative lieben die riesigen Gebäude. Einmal hab ich in einer Werbeagentur gearbeitet und als ich fragte, was denn wohl früher in diesem Gebäude war, hieß es: ein Krankenhaus, eine Frauenklinik. Erst als jemand „Charité“ sagte, fiel bei mir der Groschen: Hier bin ick ja jeboren! 😀 Das war schon ein merkwürdiges Gefühl, dass da einmal Krankenbetten standen, wo wir gerade in unsere Laptops hackten.

Irgendwie auffällig: Wo früher Kutscher ihre Pferde anspannten, Hebammen Babys auf die Welt halfen oder Brauer in ihren Kesseln rumrührten, wo also das pralle Leben herrschte – da sitzen wir jetzt und starren auf Bildschirme. Wir lesen, schreiben und drehen Filme über Leute, die richtige Sachen machen. Sind wir nur noch ein Gehirn mit Augen und zehn Fingern dran? Seit ich diese Idee in dem Buch „21 Lessons for the 21st Century“ des israelischen Historikers Yuval Noah Harari gefunden habe, verfolgt sie mich.

Übrigens: Selbst das Knöpfedrücken wird selten – stattdessen wischen wir auf Touchscreens herum. Beispiel Auto: Während im eGolf noch ganz normale Hebel und Knöpfe drin sind, soll das Nachfolgemodell I.D3 nur noch mit einem einzigen Bildschirm ausgestattet werden, über den alle Funktionen gesteuert werden. Handlungen wie das Umdrehen des Zündschlüssels sind schon abgeschafft. Auch Autofahren wird bald nur noch eine Fingerübung sein – bis es dann ganz von selbstfahrenden Autos übernommen wird.

Was bedeutet das für die Selbstwirksamkeit des Menschen? Ich kann mich erinnern, dass es mich richtig gekickt hat, als ich das erste Mal das Gaspedal gedrückt habe. Wahrscheinlich war es beim Radfahrenlernen ähnlich. Ich bewege mich, das Fahrzeug bewegt sich. Krass! Wenn man nur noch einsteigen und „Siri, fahre mich nach Hause“ sagen muss, ist die eigene Leistung extrem überschaubar. 😛

Vor einiger Zeit habe ich gelesen, dass man in einer Studie herausgefunden hat, dass es weniger befriedigend ist, E-Books zu lesen als Papierbücher. Das liegt daran, dass man beim E-Book den Fortschritt nicht spürt. Beim Papierbuch wandert das Gewicht von der rechten auf die linke Hälfte des aufgeschlagenen Buchs (oder je nach Sprache auch umgekehrt). Beim E-Book hingegen gibt es höchstens einen Fortschrittsbalken oder eine Prozentzahl. Auch hier ist die Haptik extrem reduziert.

Lernende Maschinen

Längst geht es auch der kognitiven Leistung an den Kragen – also den Fähigkeiten, die wir bislang als unser Alleinstellungsmerkmal, unseren menschlichen USP, gesehen haben: lernen, analysieren, kommunizieren und menschliche Emotionen verstehen. Das können Maschinen mittlerweile ganz gut. Es wird nicht mehr lange dauern, bis Fahrer*innen, Bankangestellte und Anwält*innen durch Künstliche Intelligenz (KI) ersetzt werden können.

Je mehr wir den Menschen und sein Gehirn hacken, schreibt Harari, je besser wir seine Psyche, seine Emotionen, seine Entscheidungsfindung auch auf einer biochemischen Ebene verstehen, desto leichter wird es, KI fit zu machen – und zwar fitter als Menschen. Harari ist davon überzeugt, dass die Technik zuverlässiger und akkurater ist als der Mensch. Und dass der Mensch gar nicht das Wunderwerk ist, das er glaubt zu sein – sondern nach biochemischen Algorithmen funktioniert, die Muster erkennen und daraus Handlungen ableiten. Also nichts, was eine KI nicht auch könnte.

Im Psychologiestudium habe ich gelernt, wie sich die Wahrnehmung kleiner Kinder entwickelt. Sie sehen etwas mit vier Beinen und Fell und lernen „Hund“. Nach diesen Kriterien ist erst mal auch jede Katze und jedes Schaf für sie ein „Hund“. Bis sie irgendwann feinere Unterscheidungsmerkmale lernen – Größe, Farbe, Fellbeschaffenheit, typische Bewegungen und Laute. „Hund“ wird zu einer eingegrenzten Kategorie von Objekten. Dann gilt es, die Kategorie wieder zu erweitern, um auch ungewöhnliche Hunderassen einzuschließen, z. B. einen Faltenhund oder einen Chihuahua. So etwas kann man einer Maschine ebenfalls beibringen – bzw. ihr beibringen, es sich selbst beizubringen.

Gesund durch Dr. Maschine

KI könnte den Menschen übertreffen, outperformen, schreibt Harari, durch zwei große nicht-menschliche Vorteile: Vernetzung und Aktualisierung.

Ein Beispiel: Wer will sich für eine Diagnose noch auf eine Ärzt*in verlassen, wenn neuronale Netzwerke in kürzester Zeit enorme Mengen von Diagnosedaten auswerten und daraus richtige Schlüsse ziehen können? (Das wird nicht immer möglich sein, weil nicht für alle Krankheiten genug Datenmengen vorliegen werden. Und Harari ist auch extrem technikgläubig, wie so viele im Silicon Valley. Aber für häufige Krankheitsbilder ist das machbar.)

Andersherum ausgedrückt: Um es mit der KI aufzunehmen, müsste eine menschliche Ärzt*in über das gesamte Wissen und die Erfahrung all ihrer Kolleg*innen auf vielen verschiedenen medizinischen Gebieten weltweit verfügen. Und sie müsste immer auf dem allerneusten Stand der Wissenschaft sein (d. h. im Dauer-Fortbildungsmodus). Die ernüchternde Wirklichkeit: Es dauert etwa 20 Jahre, bis neue wissenschaftliche Erkenntnisse in der ärztlichen Praxis ankommen. Bei Dr. Maschine wäre das mit einem Knopfdruck zu machen: „Jetzt aktualisieren“.

Und Dr. Maschine könnte auch Menschen in entlegenen Winkeln der Erde per App helfen – vermutlich sogar zum kleinen Preis. Die medizinische Dienstleistung wäre also besser und günstiger zu haben. Wer könnte etwas dagegen haben?

Daten, Daten, Daten

Das ist längst keine Zukunftsmusik mehr. Als die Computerexpertin Dr. Regina Barzilay, Professorin am MIT, an Brustkrebs erkrankte, ärgerte sie sich, dass offenbar die Untersuchungs- und Behandlungsdaten der Patientinnen nicht ausgewertet wurden. Mit ihrem Team entwickelte sie einen Algorithmus, der mit seinem Wissen aus 100.000 Patientinnenakten voraussagen kann, mit welcher Wahrscheinlichkeit eine Frau in den nächsten fünf Jahren an Brustkrebs erkrankt. Auch wie erfolgreich eine Behandlung ist, wird ausgewertet. Aktuell hat Prof. Barzilay ein neues Forschungsprojekt gestartet: KI soll Mammographien analysieren lernen – besser als ein Mensch.

Und genau hier könnte die Zukunft menschlicher Mediziner*innen liegen: in der datengetriebenen Forschung. Ansonsten bleibt uns nur noch, die KI zu bedienen – oder mit ihr zusammenzuarbeiten. Harari spricht von anspruchsvoller Human-AI cooperation. Das mag sein, aber am Ende läuft es wieder auf Knöpfchendrücken hinaus.

Wer da nicht mehr mitkommt, könnte Teil einer „nutzlosen“ Klasse (Harari) werden. Während einerseits Spezialist*innen gesucht werden, steigt die Arbeitslosigkeit bei den Geringqualifizierten. „Viele Menschen könnten das Schicksal nicht etwa der Kutscher des 19. Jahrhunderts, die ins Taxigeschäft wechselten, teilen – sondern das der Pferde, die ganz aus dem Arbeitsmarkt verdrängt wurden“, schreibt der Historiker. Die Digitalisierung ist kein singuläres Event, sondern ein sich wiederholendes. Immer, wenn die KI eine neue Domäne erobert hat, werden Menschen aus ihren Jobs verdrängt. Stress durch Veränderung, von dem heute schon viele überfordert sind, wird also zum Dauerzustand.

Tschüss, Lohnarbeit

Die leerstehenden Brauereien, Bäckereien und Fabriken sind steinerne Zeugen dafür, wie uns (Lohn-)Arbeit schon einmal abhanden gekommen ist. Momentan wird sie immer kompakter, virtueller und weniger greifbar. Wir werden vielleicht noch eine Weile Arbeit simulieren können, aber irgendwann gibt es für viele von uns kaum noch etwas zu tun.

Ich freu mich drauf. Denn dann kommt endlich die Neue Arbeit (New Work) zum Zuge, von der Frithjof Bergmann seit den 70ern spricht. Dessen Buch lese ich auch gerade. Aber Moment – das, was Bergmann will, ist ja etwas ganz anderes als das, was in vielen Beratungen und Unternehmen unter diesem Label verkauft wird. Ist die Neue Arbeit vielleicht ein Riesenirrtum? Aber dazu später mehr.

Buchtipps & Links: