„"Immer wenn mir dieser Halbsatz begegnet, werde ich hellhörig. Denn meistens geht es um sowas: „Mitarbeiter gut zu behandeln lohnt sich, denn es macht ja auch wirtschaftlich Sinn.“ Ach, was! Nicht nur, dass Arschloch-Sein irgendwie Scheiße ist, scheint es auch noch gewisse finanzielle Nachteile mit sich zu bringen.

Man braucht also erst mal einen finanziellen Anreiz, um sich fair zu verhalten: „Na schön, wenn sich’s denn rechnet, werd ich meine Leute mal anständig behandeln.“ Lernt man sowas im BWL-Studium? Wieso ist das eine anerkannte Denkweise? Ich find’s armselig.

Ethik ist nicht gut genug

Vielleicht bin ich irgendwie altmodisch, aber ich finde, es gebietet zuallererst einmal der Anstand, Leute ordentlich zu behandeln. Es ist nicht nur meine „gesetzliche Fürsorgepflicht als Arbeitgeber“ oder mein Profitstreben. Sondern ich handle auch aus Pietät, Mitgefühl, Interesse am Gemeinwohl. Vielleicht auch aus Eigennutz, weil es gut für mein Selbstbild als Führungskraft ist, wenn ich meine Leute fair behandle – weil ich kein Arschloch sein will. Vielleicht arbeite ich ungern in einem Klima, indem alle des anderen Wolf sind. Vielleicht ist unsere gemeinsame Menschlichkeit irgendwie wichtig, in sich selbst, ohne dass ein Preisschild dranhängen muss. Und erst in zweiter (oder gar dritter, vierter, fünfter) Linie spielt eine Rolle, wie sich unser Umgang finanziell auswirkt.

Glückliche Mitarbeiter*innen sind 12 Prozent produktiver, haben Wissenschaftler herausgefunden. Find ich super, aber wisst Ihr, was noch geiler ist? Glückliche Mitarbeiter*innen sind glücklicher! Das ist doch was, oder? Offensichtlich reicht das nicht.

Großraumbüros sind nicht nur Mist, weil sie die Produktivität verringern und die Krankheitsquote nach oben treiben – sondern allein schon, weil sich Leute dort unwohl fühlen: nämlich beobachtet, kontrolliert, überfordert von den Reizen. Reicht das nicht? Muss man da überhaupt noch die Produktivität bemühen? Wieso kann ich als Unternehmer*in nicht sagen: Ich möchte einfach, dass es meinen Leuten gutgeht. So wie ich auch möchte, dass es meiner Katze gut geht, ohne dass sie etwas dafür leisten muss. Katzen sind ja bekanntlich ziemliche Leistungsverweigerer.

Oder nehmen wir Diversity. Total wichtig! Teams sollen möglichst vielfältig zusammengesetzt sein – nach Alter, Geschlecht, Ethnie usw. Warum? Weil gemischte Teams besser „performen“. Erstens ist das naiv, denn so einfach ist es nicht. Jeder, der mal mit irgendeinem bunten Haufen ein Projekt stemmen musste, kann ein Lied davon singen, dass es nicht ausreicht, Leute irgendwie zusammenzuwürfeln. Es müssen Bedingungen geschaffen werden, damit Menschen verschiedener Couleur gut zusammenarbeiten können, z. B. interkulturelle Kompetenz, Toleranz, Vertrauen, psychologische Sicherheit. Anderenfalls ist es nämlich unkomplizierter und konfliktärmer, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die ähnlich ticken wie man selbst.

Zweitens macht es eben nicht nur wirtschaftlich Sinn, beispielsweise Frauen an der Macht zu beteiligen. Selbst wenn es finanziell keinen Sinn machen würde, hätten Frauen ein Recht mitzumischen – sie stellen verdammt noch mal die Hälfte der Weltbevölkerung. Es macht also auch, ähm, ethisch Sinn? Außerdem haben sie vielleicht mehr zu bieten als Wirtschaftlichkeit.

Vorteile jenseits des Geldes

Es kann viele Effekte haben, wenn Frauen beteiligt sind: weniger Kampf, mehr Ausgleich – auch Ehrlichkeit und kritisches Hinterfragen scheinen Stärken von Frauen zu sein, wie Männer berichten. Es könnte sein, dass Frauen eher ethische Fragen stellen, die Männer in ihrer Technikbegeisterung übersehen. Lenkt man mal den Blick weg vom Geld, fallen einem plötzlich ganz viele andere Gründe ein, warum etwas sinnvoll sein könnte.

Dasselbe gilt für Migrant*innen. Vielleicht bringen sie viel mehr in das Team ein, als wir uns überhaupt vorstellen können? Humor, gewürztes Essen? 😛 Eine andere Art zu arbeiten und zu leben? Vielleicht ist das auch alles egal und sie müssen gar nix einbringen, sondern haben Menschenrechte und dürfen deshalb mitspielen?

In den Abgrund

Angestellte haben in unserem Land einen Anspruch auf Urlaub. Klar, das ist wirtschaftlich gesehen clever. Weil die sonst irgendwann tot umfallen würden. Es kann aber nicht der alleinige Sinn von Urlaub und Freizeit sein, wieder fit fürs Weiterarbeiten zu werden. Wo sind wir denn hier? In der Sklaverei? „Spartakus muss morgen wieder in die Arena, also gebt ihm gut zu essen und lasst ihn bisschen ausruhen.“

Als gäbe es nichts anderes im Leben, für das es sich lohnen würde, fit zu sein. Der Mensch als leistungsfähige Maschine – eine solche Idee ist faschistoid: Welchen „wirtschaftlichen Sinn“ machen denn diejenigen Mitglieder der Gesellschaft, die nicht (mehr) arbeiten? Chronisch Kranke und Behinderte zum Beispiel? Die Nazis haben ihr grausames Euthanasie-Programm unter anderem mit „kriegswirtschaftlichen“ Erwägungen begründet. Ui, jetzt wird’s aber unangenehm, das will man nicht lesen. So war das dann doch nicht gemeint. Aber genau in diesen Abgrund führt das Primat der Wirtschaftlichkeit, wenn man es auf Menschen anwendet. Deshalb wird mir immer ein bisschen schlecht, wenn ich den Spruch höre.

Auch beim Umwelt- und Klimaschutz heißt es oft: „Wir schützen die Umwelt nur dann, wenn es auch wirtschaftlich Sinn macht.“ Vielleicht macht auch einfach Überleben Sinn? Überleben ist verdammt sexy, finde ich. Im Übrigen ist es der Natur auch ziemlich wurscht, wie wirtschaftlich wir es finden, sie (und damit uns) zu erhalten. Müsste nicht Überleben das Argument Nummer Eins sein? Angesichts der aktuellen Entwicklung können wir nur hoffen, dass sich diese Ansicht durchsetzt. In dem Film „Tomorrow“ wird aufgezeigt, wie das gehen könnte.

Gedankenlos wirtschaftsorientiert

„… und es macht ja auch wirtschaftlich Sinn“: Das sagt und schreibt sich so dahin – ich vermute, die meisten denken sich nichts dabei. Es zeigt aber, wie sehr wir alle Lebensbereiche dem Geld unterordnen. Dass etwas wirtschaftlich ist, scheint das ultimative Argument zu sein – ein Totschlagargument.

Wer die Wirtschaftlichkeit auf seiner Seite hat, hat die Debatte quasi schon gewonnen. Das hab ich unzählige Male so erlebt: „Es gibt Vorschlag A und Vorschlag B. Und hier steht, A ist wirtschaftlicher. Tja, also, wenn das so ist, dann können wir wohl nicht anders, als A zu machen.“ Doch, wir können anders. Wir haben immer eine Wahl.

Erst mal gucken, was ethisch ist. Und was beide Vorschläge jenseits von Geld für Vor- und Nachteile haben könnten. Welche Anspruchsgruppen sind beteiligt und wie stellt man sie zufrieden? Wie wird die Zusammenarbeit aussehen? Was ist mit sozialen und Umweltkosten? Zumal das Argument der Wirtschaftlichkeit ja gerade aufgrund seiner scheinbaren Unbesiegbarkeit oft nur vorgeschoben wird. Zahlen lügen nicht? Oh doch, sehr gut sogar.

Wenn Wirtschaftlichkeit der wichtigste oder gar einzige Maßstab ist, anhand dessen wir Entscheidungen treffen, wird es gefährlich. Wir brauchen dringend neue Maßstäbe.

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