[Interview: Anke Pegel] Als technischer Berater und Chef der Design-Jury bekommt Pat Clarke bei der Formula Student Germany jeden Entwurf und jedes Auto zu sehen. Hier verrät er, wie man Fehler beim Rennauto-Design vermeidet, welche Gefahren in CAD lauern und was es bei der Karriereplanung zu bedenken gilt.

Design-Juror Pat Clarke Bild: Klaus Bergmann, FSG

Design-Juror Pat Clarke Bild: Klaus Bergmann, FSG

Sie schreiben eine Web-Kolumne, in der Sie Fehler an Rennautos zeigen. Wie sind Sie auf den „Design Error of the Month“ gekommen? Der Design Error of the Month entstand, als ich mir das Auto eines Teams anschaute und Fotos machte. Da sagte einer: „Oh nein, das stellen Sie hinterher nur in Ihre Kolumne!“ Daraufhin sagte ich: „Na klar, das nehme ich als Design-Fehler des Monats!“ Und wir lachten alle. Aber es war gar keine schlechte Idee. Vor einigen Jahren hatten mich die deutschen Organisatoren der Formula Student gefragt, ob ich technischer Berater werden möchte und obendrein der Chef der Design-Jury. Nachdem ich zugesagt hatte, baten sie mich, für die Website eine Kolumne mit technischen Ratschlägen zu schreiben. Das wurde Pat’s Corner. Sie zu schreiben, ist recht schwierig: Neue Themen zu finden ist eine Herausforderung. Nun gibt es den Design-Fehler des Monats, und meistens hat er mit dem Thema der jeweiligen Kolumne zu tun.

Was hat denn das Zeug dazu, als Fehler veröffentlicht zu werden? Ein Design-Fehler bricht nicht unbedingt die Regeln. Aber die Studenten haben den jeweiligen Teil des Autos nicht gut designt, in manchen Fällen ist es so erbärmlich, dass man sich fragt, auf welchen Drogen sie waren, als sie es zeichneten.

Für die Teams, deren Fehler gezeigt werden, ist das ja ganz schön peinlichIch bin immer sehr darauf bedacht, die Identität der Teams geheimzuhalten. Wir wollen ja niemanden an den Pranger stellen. Die psychologische Idee dahinter ist, die Teams dazu zu zwingen, über Dinge so nachzudenken, dass sie nicht im Design Error of the Month enden, indem sie von vornherein richtig entwerfen.
Kann gute Arbeit bei der Formula Student zu einer Karriere mit engem Bezug zu Autorennen führen?
Auf jeden Fall. Eine gute Leistung bei der Formula Student kann zu einer Karriere in fast jeder Branche führen. Viele Studenten gehen hinterher in die Flugzeugtechnik und die Produktion, einer hat sogar einen Job als Rasenmäher-Designer bekommen.

Wie landet man denn am besten in einem Rennstall? Ich würde jungen Ingenieuren zur Vorsicht dabei raten, eine Karriere im Motorsport zu planen. Viele von ihnen träumen davon, für ein Formel 1-Team zu arbeiten. Aber ihnen ist nicht klar: Wenn man erst einmal da gelandet ist, wird es extrem langweilig.

Wieso denn langweilig? Wegen des Konkurrenzdenkens im hochrangigen Motorsport haben diese Teams eine Kultur des „nur was du wissen musst“. Die Mitarbeiter haben jeweils nur mit einem sehr kleinen Teil des Projekts zu tun, man hat dort keine Verbindung zu etwas anderem. Wenn man in einem Team der Formel 1, DTM oder einem IndyCar-Team arbeitet, ist man beispielsweise für die Bremszangen zuständig. Und für nichts anderes als die Bremszangen. Junge Ingenieure werden von diesen Teams oft auch nur als Daten-Ingenieure engagiert. Sie verbringen dann ihr ganzes Leben damit, Zahlen zu schieben und am Computer Tabellen und Matrizen zu erstellen, die auf dem beruhen, was die Sensoren am Auto liefern. Das wird sehr, sehr langweilig.

Die Fotos in Ihrer Web-Kolumne zum Thema Sicherheit sehen hingegen beunruhigend aus. Beruht es auf schieres Glück, dass es bei der Formula Student noch keine schweren Unfälle gegeben hat?Nein, gar nicht. Das beruht auf guter Planung und Eigeninitiative, um alles im sicheren Bereich zu halten. Zu diesen Maßnahmen gehört auch, dass Pat Clarke Kolumnen schreibt, mit denen er den Teilnehmern eine Heidenangst einjagt, was alles passieren könnte. Ich habe mir sehr viel Mühe damit gegeben, Bilder zu finden von brennenden Autos und schlimmen Unfällen.

Gehört diese Gefahr zum Beruf des Rennsport-Ingenieurs? Wenn man zu einem Autorennen geht, steht auf der Rückseite des Tickets: „Autorennen sind gefährlich. Sie sind hier auf eigene Gefahr.“ Das ist eben so. Und ich glaube, gerade der gewisse Gefahrenaspekt des Autorennens zieht die jungen Männer in der Formula Student an.

Wie sollten die sich absichern? Ich werde demnächst über Sicherheit beim Testen schreiben. Denn bei der Veranstaltung haben wir ja Feuerwehrmänner, Crashtrucks, Sanitäter. Aber was passiert, wenn das Team sein Auto vorher schon auf ein verlassenes Stück Straße stellt, um es auszuprobieren? Es hat womöglich nicht einmal einen Feuerlöscher dabei, ganz zu schweigen von einem Erste-Hilfe-Kasten. Ich werde darüber schreiben, dass man zum Beispiel üben muss, wie man einen Feuerlöscher eigentlich bedient. Opfern Sie einen Feuerlöscher, um zu lernen, wie man ihn bedient, so teuer sind die ja nicht. Und setzen Sie den Fahrer mit verbundenen Augen ins Auto, damit er lernt, den Sicherheitsgurt abzulegen, das Lenkrad abzunehmen, den Motor abzuschalten. Denn wenn das Auto wirklich Feuer fängt, dann raucht es auch, und dann wird er nichts sehen können.

Die Teams müssen aber nicht nur auf die Gefahren achten, sondern auf die ganze Bandbreite von Design und Konstruktion bis zu Budgetplanung und Marketing. Womit tun sie sich noch schwer?Ich denke, mit dem Projektmanagement tun sie sich am schwersten. Es ist aber vermutlich auch die wichtigste Fähigkeit, die sie erwerben: ein Projekt zu steuern. Die Leute, die Logistik, die Finanzen – und rechtzeitig fertig zu bauen, um testen zu können, das Auto kaputtzumachen und wieder zu reparieren, daraus eine Lektion zu lernen, und das Auto dann zum Wettbewerb zu bringen und sich mit anderen zu messen. 60 Prozent oder mehr sind nicht fertig, wenn sie zum Wettbewerb kommen. Sie kommen mit einem unfertigen Auto. Oder das erste Mal, dass ihr Auto fährt, ist auf der Wettbewerbs-Strecke. Gewinner der Veranstaltung ist also nicht unbedingt das beste Auto, das beste Design, sondern das Team, das alles auf die Reihe bekommen hat.

Was übersehen unerfahrene Ingenieure oft? Es gibt eine strukturelle Reinheit, die eingehalten werden muss. Oft sehen sie das nicht. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Eine der wichtigen Elemente des allgemeinen Designs eines Chassis ist, auf den Belastungspfad zu achten, also darauf, worauf die Kräfte einwirken. Wenn eine Bodenwelle das Rad trifft, wohin geht dann die Kraft? Aktion gleich Reaktion, das gilt überall. Wenn du die Kraft nicht auf etwas leitest, das nachgibt oder sich biegt, dann wird es brechen. Um die Autos zu entwerfen, nutzen die Teams aber CAD. Das ist eins meiner Lieblings-Hassobjekte.

Was ist daran denn problematisch? Sie sitzen vor dem Monitor und geben alles ein, was sie müssen: wohin die Lenksäule geht, die Rückenlehne des Fahrers, die Überrollbügel, die Bolzen, die den Motor halten, all diese Dinge, die man nicht ändern kann. ES muss ja genug Platz für den Fahrer sein, damit er hantieren kann. Man braucht ein Lenkrad und einen Tank. Das geben sie ein, drücken den Knopf, der die Punkte verbindet, und dann designt der Computer das Chassis für ein dreidimensionales CAD-Modell. Dabei geht die Idee einer Designkunst völlig verloren. Während in den alten Zeiten der Designer eine Art Künstler war und gutes Design auch ästhetisch ansprechend aussah, ist es das heutzutage oft nicht.

Das klingt so, als sei das eher eine Geschmacksfrage. Nein, dabei entstehen auch Fehler: Der Computer arbeitet ja nur nach den Informationen, die man eingegeben hat – und die sind womöglich nicht vollständig. Und weil die jungen Leute das nicht merken, gehen sie hin und bauen das Auto. In vielen Fällen wird das dann nichts. Es mag zwar in der perfekten Welt von CAD funktionieren, aber im richtigen Leben noch lange nicht.

Würden Sie Ingenieuren empfehlen, auf den Computer zu verzichten? Oh nein! Der Computer ist ein Werkzeug, das alles so viel schneller und einfacher macht. Er hat aber auch einen Nachteil. Ich dränge die Studenten dazu, die Computerergebnisse nicht einfach so als endgültig und unanfechtbar hinzunehmen. Sie sollten jemanden haben, der für das große Ganze zuständig ist und den Überblick bewahrt. Der sollte, wenn man so will, menschliche Werte ins Auto einbauen. Man kann nicht die Roboter alles machen lassen. Es muss auch jemand auf die gesamte Lösung schauen, sozusagen als letzter Schiedsrichter.

Zur Person: Pat Clarke Pat Clarke steht schon fast am Ende seiner Karriere. Seinen Abschluss in Maschinenbau machte er 1970 in Großbritannien, danach arbeitete er für Yamaha in Australien und später für einen US-Hersteller von Fahrzeug-Diagnosegeräten. Weil einer seiner Assistenten Kartrennen fuhr, beschäftigte sich Pat Clarke mit deren Motoren und veröffentlichte ein Buch darüber. Bei einem Training 1994 in Kalamazoo schaute er sich als Wochenendvergnügen ein Formula SAE-Rennen an – und meldete sich 1996 als Helfer an, wurde aber direkt als Design-Juror engagiert. Seit Gründung der Formula Student Germany 2006 ist er dort Technischer Berater und Chief Design Judge und schreibt die Web-Kolumne „Pat’s Corner“. Clarke arbeitet derzeit als Produkt- und Techniktraining-Manager bei Hyundai in Sydney.