Schon als kleiner Junge konnte sich Benno Pichlmaier kaum Schöneres vorstellen, als auf einem Traktor zu sitzen. Diese Leidenschaft hat der promovierte Maschinenbau-Ingenieur zum Beruf gemacht – mit Begeisterung und Ausdauer.

Wie entstand Ihr Interesse an Traktoren? Schon als Dreijähriger war ich von Traktoren fasziniert. Stundenlang bin ich bei der Feldarbeit mitgefahren. Damit ich bei den damals offenen Fahrerkabinen nicht runterfalle, hatte man mich mit einem Seil festgebunden.
Der erste Traktor, den ich dann selber fahren durfte war ein Fendt. Das hat wohl die Weichen gestellt…

Auf dem Stundenplan stand dann aber erst einmal etwas anderes… Ja, in München bin ich auf ein humanistisches Gymnasium gegangen. Das hieß, neun Jahre Latein, sechs Jahre Altgriechisch.
Schrauben und Handwerken hat mir aber schon immer Spaß gemacht. Also entschloss ich mich erst einmal zu einer Ausbildung als Kfz-Mechaniker, was eine gute Entscheidung war. Heute hilft mir das noch oft: Man bekommt durch das Hantieren mit den verschiedensten Bauteilen ein Gespür für Materialien, Dimensionen und Funktionen – etwas, was die Theorie allein nicht vermitteln kann.

Im Anschluss an Ihre Ausbildung sind Sie dann an die Hochschule gegangen? Nach der Lehre mit einem Studium weiterzumachen, hatte ich generell vor. Also begann ich im Jahr 2000 an der Technischen Universität München am Campus Garching Maschinenbau zu studieren. Im Vorlesungsverzeichnis entdeckte ich dann zu meiner Freude Fächer im Bereich Landtechnik und Traktoren. Die habe ich alle mit Begeisterung belegt.

Haben Sie auch Praxiserfahrung sammeln können? In meinen Semesterarbeiten beschäftigte ich mich vor allem mit praktischen Aspekten der Antriebstechnik. Dabei ging es auch erstmal in eine ganz andere Richtung, indem ich im Formula Student Team TUfast an der TU München Rennwagen bauen durfte. Hier hatte ich die Möglichkeit, in Zusammenarbeit mit der ZF Friedrichshafen AG ein neuartiges Achsgetriebe zu entwickeln. Über ZF konnte ich dann auch für vier Monate ein Praktikum in China in den Städten Peking und Shanghai absolvieren. Eine tolle Zeit in einer anderen Welt.

Aber die Landmaschinen ließen Sie nicht los? Nein, die ließen mich nicht los und ich war zum Glück zur rechten Zeit am rechten Ort: Als es in Richtung Diplomarbeit ging, konnte ich mit Hilfe von Professor Renius die Weichen für eine Zusammenarbeit mit AGCO / Fendt stellen. Dabei ging es um ein neues, damals noch geheimes Großtraktorkonzept mit dem Namen Trisix Vario. Eine Studie mit drei Achsen und 540 PS. Hierfür sollte ich in der Diplomarbeit Überlegungen zur Struktur und Regelung der stufenlosen Antriebstechnik anstellen. Aus diesem Projekt ergab sich dann auch das Thema für meine Doktorarbeit, die ich ab 2006 als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TUM verfasst habe. Im März 2011 bin ich als Leiter der Vorentwicklung bei Fendt eingestiegen und im September 2012 konnte ich dann die Promotion erfolgreich abschließen.

Welche Themen stehen bei Ihnen auf der Tagesordnung?  Ein großes Thema bei allen mobilen Arbeitsmaschinen sind derzeit die sich laufend verschärfenden Abgasnormen, deren termingerechte Erfüllung sehr viele Kapazitäten der Serienentwicklung bindet. Unsere Aufgabe in der Vorentwicklung ist es – losgelöst von diesen Pflichten – Innovationen mit unmittelbarem Kundennutzen vorzubereiten und strategische Zukunftstechnologien zu identifizieren.
Ich habe mich zum Beispiel in meiner Dissertation mit dem Thema Traktionsmanagement beschäftigt. Wie kann die Motorleistung des Traktors möglichst bodenschonend und effizient in Zugleistung umgesetzt werden? In diesem Bereich bearbeiten wir verschiedene Fragestellungen. Weitere Schlagworte sind z. B. Smart Farming und elektrische Antriebe.

Kommen wir noch einmal zurück auf den Trisix: Drei Achsen bei einem Traktor? In Deutschland sieht man das nicht sehr häufig… Nein, es gibt auch weltweit nach wie vor kein derartiges Konzept in Serie. In der großen Leistungsklasse werden typischerweise recht einfach aufgebaute knickgelenkte Traktoren oder Fahrzeuge mit Bandlaufwerken eingesetzt. Das sind Bauarten, die Ihren Ursprung vor allem in Nordamerika haben.

Trotzdem hätte der Trisix ein interessantes Potenzial… Auf jeden Fall. Es ist der europäische High Tech Ansatz für das Großtraktoren Segment. Geringe Außenbreite entsprechend unserer gesetzlichen Anforderungen, hervorragendes Traktionsverhalten und hoher Fahr- wie Bedienkomfort. Besonders in Osteuropa, z. B. Russland, Ukraine oder auch auf den Großbetrieben im Osten Deutschlands kann so ein Fahrzeugkonzept seine Vorteile ausspielen.

Warum halten Sie die Landtechnik für eine Branche mit Zukunft?  Landtechnik ist DIE Branche der Zukunft. Im Jahr 2050 müssen fast zehn Milliarden Menschen ernährt werden. Der Bedarf an regenerativer Energie und nachwachsenden Rohstoffen aus landwirtschaftlicher Produktion steigt. Dabei ist die verfügbare Ackerfläche begrenzt und Wetterextreme in Folge des Klimawandels nehmen zu. Ohne innovative Landtechnik gibt es für diese Herausforderungen keine Lösung.

Was empfehlen Sie Studierenden, die sich für einen Einstieg in die Landtechnik interessieren?  Begeisterung für das, was man tut, ist der Schlüssel zum Erfolg. Alles andere kommt dann praktisch von allein. Es ist sehr hilfreich, mal in die Praxis hineinzuschauen, also auf einem landwirtschaftlichen Betrieb mitzuarbeiten und auch in einem entsprechenden Industrieunternehmen durch Studienarbeit oder Praktikum Erfahrungen zu sammeln. Einen guten Einblick erhält man auch auf Tagungen und Messen der Branche. Für Ingenieure bietet sich die Max-Eyth Gesellschaft im VDI als Netzwerk an. Bei der Jobwahl sollte man nicht nur auf das Gehalt schauen, sondern vor allem auf interessante Inhalte und die Menschen, mit denen man es zu tun haben wird. Entwicklungsmöglichkeiten bieten sich automatisch, wenn man mit seiner Arbeit überzeugt.

Eine Frage zum Schluss: Werden Sie die Traktoren jemals loslassen? Glaube ich nicht! Traktoren und Land sind faszinierend. Die Technik ist anspruchsvoll und vielfältig. Die Branche angenehm offen, mit flachen Hierarchien.
Und es ist ein gutes Gefühl, eine sehr sinnvolle Arbeit zu machen.

Zur Person: Dr. Benno Pichlmaier, 36, verantwortet bei AGCO Fendt in Marktoberdorf im Allgäu den Bereich Vorentwicklung. Bis 2006 studierte er Maschinenbau an der TU München, wo er schließlich 2012 promoviert wurde. In seiner Freizeit spielt er jeden Sonntag abend in der seit Schülertagen bestehenden Band So Why. Er lebt mit seiner Frau und zwei Töchtern in München.