[Text: Sabine Olschner] Kaum eine Branche stellt jedes Jahr so viele Absolventen ein wie die Steuerberatung und Wirtschaftsprüfung. Wirtschaftswissenschaftler mit einer Affinität zu Zahlenwerken finden bei zahlreichen Prüfungs- und Beratungsgesellschaften spannende Aufgaben.

Viel lernen in kurzer Zeit

Verena Andermahr hat in diesen Tagen viel zu tun. Es herrscht „Busy Season“ bei den Wirtschaftsprüfern, und seit gut einem Jahr ist die 25-Jährige mittendrin: Im Januar 2008 stieg sie bei PricewaterhouseCoopers (PwC) als Associate im Bereich Wirtschaftsprüfung ein. „Am Anfang habe ich kleinere Aufgaben übernommen, zum Beispiel die Prüfung von Forderungen oder Verbindlichkeiten. Aber schnell habe ich auch größere Projekte bekommen, die ich eigenständig bearbeiten konnte“, erinnert sich die BWL-Absolventin, die an der Fachhochschule Aachen die Schwerpunkte Wirtschaftsprüfung und Marketing gewählt hatte.

Damit ist die Verena Andermahr eine klassische Einsteigerin. „Im Gegensatz zu Großbritannien, wo auch Quereinsteiger eine Chance haben, stellen wir in der Regel meist Absolventen mit wirtschaftlichem Hintergrund ein“, erklärt zum Beispiel Steffen Laick, Leiter Marketing und Recruiting bei Ernst & Young, die zusammen mit Deloitte, PricewaterhouseCoopers und KPMG zu den „Big Four“ der Branche gehören. Neben einem guten bis sehr guten Studienabschluss, am liebsten mit dem Schwerpunkt Steuerberatung oder Wirtschaftsprüfung, legt Laick Wert auf relevante Praktika und Auslandserfahrung. An Soft Skills sollten die Absolventen Teamfähigkeit, Integrität, ein hohes Qualitätsdenken und Sorgfalt im Umgang mit sensiblen Daten mitbringen.

„Sie sollten zudem dienstleistungsorientiert sein, analytisch denken können und bei allen Details den Blick fürs Ganze behalten“, fügt Daniela Lau, Personalreferentin bei BDO Deutsche Warentreuhand, hinzu. „Besonders hervorzuheben ist außerdem das unternehmerische Denken, da sich unsere Mitarbeiter als ,Sparring-Partner’ für unsere Mandanten verstehen.“ Sowohl BDO als auch Ernst & Young sind offen für Bachelor-Absolventen. „Eventuell gibt es beim Einstieg Gehaltsunterschiede, die aber mehr auf vorangegangener
Berufserfahrung basieren“, erklärt Daniela Lau. „Die Karrieremöglichkeiten sind hingegen für alle gleich.“

Absolventen steigen bei den Gesellschaften zum Beispiel als Associate oder Assistant ein – die Bezeichnungen variieren von Gesellschaft zu Gesellschaft. „In der Einarbeitungsphase machen sie sich zunächst mit Mandanten und Arbeitsweisen vertraut. Danach begleiten sie die Kollegen schon bald zum Mandanten und übernehmen dort kleinere Prüfaufgaben“, erläutert Steffen Laick. Schnell übernehmen die Einsteiger mehr Verantwortung und größere Arbeitspakete. „Ergänzend nehmen die jungen Kollegen an Schulungsmaßnahmen in unserem hauseigenen Trainingszentrum teil“, so Daniela Lau. „So lernen sie gleichermaßen on-the-job und off-the-job.”

Auch Verena Andermahr ist schnell ins Tagesgeschäft eingestiegen. Derzeit arbeitet sie in einem Team von fünf Kollegen – je nach Projekt können es bis zu 15 sein – bei einem Mandanten vor Ort. Während der „Busy Season“ zwischen Oktober und April – mit den Höhepunkten im Januar und Februar – kann der Feierabend auch mal länger auf sich warten lassen. Verena Andermahr ist jedoch in der Regel abends zu Hause, denn die meisten ihrer Mandanten sitzen rund um ihre Heimatstadt Köln. Andere Kollegen verbringen viel Zeit in Hotels. Drei bis vier Monate arbeitet Verena Andermahr bei einem Mandanten in London, auch in die USA hat sie ein Einsatz schon geführt.

Natalie Hermes, Managerin im Steuerbereich in der Service Line Global Employer Services (GES) bei Deloitte, hat ebenfalls bereits eine längere Zeit im Ausland verbracht: Vor ihrer Ausbildung zur Steuerberaterin war die Wirtschaftsabsolventin von der Universität Duisburg drei Monate in Los Angeles, um das amerikanische GES-Team zu unterstützen. „Unsere Abteilung betreut Unternehmen, deren Mitarbeiter für einige Jahre ins Ausland gehen“, erklärt Natalie Hermes. „Diese Entsendung hat einkommens- und lohnsteuerrechtliche Auswirkungen.“ Sie persönlich prüft die von ihren Kollegen vorbereiteten Einkommenssteuererklärungen, bearbeitet Anfragen von Mandanten und ausländischen Kollegen, koordiniert sowohl das Team als auch anfallende Arbeiten und akquiriert neue Aufträge. 2007/ 2008 absolvierte Natalie Hermes ihr Steuerberaterexamen.

Harte Prüfung

„Alle Absolventen haben das Ziel, entweder die Prüfung zum Steuerberater oder zum Wirtschaftsprüfer zu bestehen. Manche machen sogar beide Examen“, so Steffen Laick von Ernst & Young. Die meisten Arbeitgeber unterstützen ihre Mitarbeiter dabei finanziell und durch großzügige Freistellungen während der Examensphase. Auch die Nutzung hauseigener Bibliotheken oder innerbetriebliche Seminare werden angeboten. Trotzdem schaffen es nicht alle, denn die Durchfallquote bei den Berufsexamen ist groß. Laut dem Institut der Wirtschaftsprüfer sind von 2004 bis 2007 im Schnitt über 30 Prozent durch die harte Prüfung gefallen. Ähnlich sieht es bei den Steuerberatern aus: Hier bestehen im Schnitt nur 50 Prozent das Examen. Für die Karriere ist dies natürlich nicht gerade förderlich: „Ohne Examen sind die weiteren Perspektiven recht eingeschränkt“, sagt Steffen Laick.

Wer sich bewährt und gute Leistungen zeigt, kann es in einer Steuerberatungs- und Wirtschaftsprüfungsgesellschaft bis zum Partner schaffen. „Wir haben ein fünf- beziehungsweise sechsgliedriges System von Karrierestufen“, erklärt Daniela Lau. „Je nach Unternehmensbereich gibt es unterschiedliche Anforderungen an die einzelnen Stufen. Ein Berufsanfänger zum Beispiel übernimmt in der Regel nach zwei bis drei Jahren die erste Alleinverantwortung für ein Mandat und kann sich dann entsprechend für weitere Führungsaufgaben empfehlen und entwickeln.“ Die Branche bietet vielfältige Karrierechancen, wobei selbstverständlich nicht alle am Ende Partner werden können. „Von unseren 7.000 Mitarbeitern haben es rund 450 zur Partnerschaft gebracht“, so Steffen Laick.

Egal auf welcher Karrierestufe: Die Arbeit in der Steuerberatung und Wirtschaftsprüfung ist eine spannende Sache. Verena Andermahr liebt an ihrem Beruf vor allem die Vielseitigkeit: verschiedene Unternehmen – von der Automobilfirma über eine Restaurantkette bis hin zur Fernsehproduktionsgesellschaft –, eine immer neue Zusammensetzung der Teams, viele unterschiedliche Personen, mit denen sie innerhalb der Mandantenunternehmen zu tun hat. Auch ihr Ziel ist es, in den nächsten Jahren das Wirtschaftsprüferexamen zu absolvieren. „Man lernt in diesem Job sehr viel in sehr kurzer Zeit“, so Verena Andermahr. „Ich würde den Beruf jederzeit wieder wählen.“