Kim Petrick, 37, studierte Wirtschaftsingenieurwesen an der TU Berlin und der École de Management in Lyon und promovierte mit einer Arbeit zum internationalen Handel mit CO2Emissionsrechten. Im Jahr 2000 stieg er bei der Unternehmensberatung Bain & Company ein, der er heute als Partner angehört. Nach vielen Jahren als Wettkampffechter halten ihn in seiner Freizeit inzwischen seine drei Töchter (5,3,1 Jahre) auf Trab. Er liebt die Berge und ist gern auf dem Wasser.

Ute Blindert: Ingenieure tüfteln und schrauben doch eigentlich richtig gern. Was hat sie als Wirtschaftsingenieur an einem Job in der Unternehmens-Beratung gereizt? Dr. Kim Petrick: Tüfteln ist ein gutes Stichwort. Oft feilen Ingenieure ja sehr lange an einer Lösung und versuchen, unter verschiedenen Ansätzen den elegantesten Weg zu finden. Das ist in der Unternehmensberatung gar nicht so anders. Wenn ein Kunde mit einer Herausforderung zu uns kommt, müssen wir diese ja auch erst einmal gründlich durchdenken.

Wir strukturieren ein Problem erst einmal, analysieren und untersuchen verschiedene Wege, um für unseren Kunden den optimalen Ansatz zu finden. Für ihn muss unsere Lösung dabei so anschaulich präsentiert werden, dass er sie schnell nachvollziehen und umsetzen kann. Insofern hat meine Arbeit bei Bain erfreulicherweise sehr viel mit Tüfteln zu tun.

Dr. Kim Petrick

Dr. Kim Petrick

Welche Fragestellungen werden denn meist an Sie herangetragen? Ich bin spezialisiert auf den Energiesektor, daher beschäftige ich mich auch hauptsächlich mit Fragen zu Energie und Versorgung. Das Tolle daran ist, dass es gerade in dieser Zeit spannende, grundlegende Fragen sind und unsere Kunden, zum Beispiel Strom- und Gasunternehmen und Stadtwerke, sehr langfristig orientiert denken müssen. Eine der großen Herausforderungen momentan ist sicher die Gestaltung der Energiewende mit unseren Kunden.

Sehen Sie denn die Chance einer Energiewende in Deutschland? Ja, die sehe ich durchaus. Wir stehen ja schon heute an einem ganz anderen Punkt als wir noch vor zehn Jahren geglaubt hätten. Und verschiedene Technologien wie Stromerzeugung im Keller, Smarte Netze und Energiespeicher entwickeln sich kontinuierlich weiter und bergen große Veränderungspotenziale.

Sie hatten sich ja bereits bei ihrer Promotion mit einem energiewirtschaftlichen Thema beschäftigt: dem internationalen Handel mit CO2-Emissionsrechten. Können Sie unseren Lesern – mit einfachenWorten – erklären, Was Sie dabei untersucht haben? (lacht) Ich kann es ja mal versuchen. In den Jahren 1998 bis 2000, als ich mich mit dem Thema befasste, gab es noch keinen CO2-Emissionshandel. In den USA wurde allerdings bereits mit Schwefeldioxid-Zertifikaten gehandelt und in verschiedenen Think Tanks setzte man sich intensiv mit diesen Instrumenten auseinander. Verkürzt gesagt, geht es darum, dass Unternehmen, die viele Emissionen verursachen, Zertifikate erhaltenbzw. diese erwerben müssen. Sie sind dazu berechtigt, mit diesen Zertifikaten Handel zu treiben, wenn sie selbst weniger Emissionen verursachen als sie dürften. In meiner Promotion untersuchte ich nun, welche Rahmenbedingungen von staatlicher Seite geschaffen werden müssten und wie bzw. ob ein solcher Markt funktionieren könnte oder nicht.

Bei meiner Promotion habe ich das Thema theoretisch untersucht. In der Theorie ließen sich bereits einige Probleme erkennen, aber letzten Endes ist die Realität 2012 mit den holprigen Klimaverhandlungen und Betrugsfällen am Zertifikate-Markt leider wohl noch weiter von der Theorie entfernt.

Ihre Arbeit bei Bain liegt da viel näher an der Praxis… Ja, und das finde ich immer wieder reizvoll bei meiner jetzigen Arbeit als Partner bei Bain: Hier haben Sie diese Nähe zur Realität. Ihr Kunde sucht ja nicht nur nach einem Konzept, sondern auch nach der Machbarkeit. Sie müssen ihm beschreiben, welcheInvestitionen benötigt werden, wie die Mitarbeiter miteinbezogen werden, welche Entscheidungen her-beigeführt werden müssen usw. Je besser wir das ›Wie?‹ durchdenken und vermitteln, desto weiter können wir – zusammen mit unseren Kunden – kommen.

Wie kann ich mir Ihren Job heute vorstellen? Gibt es eine typische Partner-Woche?  Als Partner betreut man in der Regel mehrere Projekte, meist auch mit anderen Partnern zusammen. Einen ganz wichtigen Aufgabenbereich stellt natürlich die Akquisition neuer Projekte und Kunden dar, das macht zirka ein Drittel meiner Zeit aus. Ebenfalls sehr wichtig sind die Trainings mit Partnern und Managern, bei denen wir unser Wissen weitergeben. Bei mir kommt noch eine weitere Aufgabe hinzu: Ich gehöre dem Bewertungskreis für unsere Consultants an. Dabei wird jeder Berater alle sechs Monate bewertet und bekommt Feedback zu seiner Arbeit und seiner Entwicklung. Es ist sehr schön zu sehen, welche Weiterentwicklungen sich da zeigen. Ich selbst bin auch regelmäßig wieder erstaunt, wenn ich feststelle: Ach, das hattest du vor einem Jahr noch gar nicht auf der Platte, und jetzt kannst du es.

Wollten Sie eigentlich schon immer Unternehmensberater werden?  Eigentlich wollte ich eher etwas Technisches machen: Ich stamme aus einem Ingenieurshaushalt, da war das Interesse an Technik früh geweckt. In der Schule belegte ich dann auch technische Fächer. Danach studierte ich Wirtschaftsingenieurwesen an der TU Berlin, an der ich die Möglichkeit hatte, parallel zum Diplom in Deutschland einen Abschluss an der École de Management in Lyon zu machen. Als ich als ›Exot‹ dann die Chance zur Promotion zum Thema Handel mit CO2-Emissionsrechten bekam, habe ich ganz schnell zugegriffen. Im Jahr 2000 wurde ich dann mit der Arbeit fertig und suchte nun nach einer Aufgabe, die gleichzeitig breit und vielseitig, analytisch und nah am Kunden sein sollte. Und da ist die Arbeit bei Bain genau das richtige.

Unternehmensberatungen gelten als Kariereturbo: richtig oder falsch? Die Lernkurve in Unternehmensberatungen ist auf jeden Fall extrem steil. Sie lernen in wenigen Jahren einfach unglaublich viel. Sie arbeiten eng mit Kunden zusammen, die sehr viel Erfahrung und Können auf ihrem Gebiet mitbringen. So lernen Sie auch selbst mit jedem Projekt. Das macht Sie dann wiederum für Ihr nächstes Projekt interessant und wertvoll. Außerdem kommen Sie mit den vielfältigsten Menschen in Kontakt. Das kann zum Beispiel sehr gewinnbringend bei einer Unternehmensgründung sein.

Eine Frage zum Schluss: Was würden Sie unseren Lesern gern mit auf den Weg geben? Ich halte es für ganz wichtig, Erfahrung zu sammeln. Damit meine ich nicht die Stationen, die man mehr oder weniger planmäßig in seinen Lebenslauf zu bringen versucht. Suchen Sie doch mal nach Erfahrungen außerhalb Ihrer Komfortzone! Das kann ein Projekt sein, an dem Sie im ersten Moment kein Interesse haben oder ein Themengebiet, das sie bisher nicht auf dem Schirm hatten: Zum Beispiel bei einem Sozialunternehmen zu arbeiten oder sich als Bürger zu engagieren. Ich selbst musste mich zum Beispiel für meine Doktorarbeit, die ja ein volkswirtschaftliches Thema behandelt, sehr in tief in ein ganz anderes Denken einfinden. Auch die Ansätze, die in den verschiedenen Forschungseinrichtungen diskutiert wurden, stellten für mich eine ganz neue Herausforderung dar.

Einen weiteren Punkt halte ich noch für sehr wichtig: Immer mal wieder inne zu halten und nachzudenken, ob der Weg, auf dem man geht, immer noch ins richtige Ziel führt, ob man nicht vielleicht woanders hin möchte. Wenn man dann noch zufrieden ist, dann ist alles gut, dann können Sie auf Ihrem Weg weitergehen.