„"Authentizität ist in Deutschland von hohem Wert, ja, fast schon ein Fetisch. Das sieht man an Dieter Bohlen. Bei „Deutschland sucht den Superstar“ geriert er sich gern als Arschloch, das Minderjährige und Minderbemittelte mit Sprüchen unter der Gürtellinie überzieht – aber Hauptsache, er ist dabei er selbst. Bohlen ist dermaßen authentisch, dass ein Gericht ihm 2006 bestätigt hat, dass er Polizisten duzen dürfe, ohne eine Geldbuße zu befürchten. Weil er gewohnheitsmäßig alle duzt.

An DSDS (das ich seit ein paar Jahren nicht mehr gucke, aber viel wird sich nicht geändert haben), kann man sehr gut beobachten, was das Problem mit Authentizität in Deutschland ist. Es wird verlangt, dass man „Personality“ mitbringt, ein spannendes „Gesamtpaket“, dass man kreativ ist und sein eigenes Ding macht. Und jetzt kommt’s:

Er selbst feiert sich für seine Authentizität, kann sie anderen aber nicht zugestehen. Denn ist wirklich mal jemand unter den Kandidaten, der seinen eigenen Stil entwickelt hat, eigene Songs schreibt oder gar eine eigene Interpretation eines bekannten Liedes wagt, ist Bohlen sofort angepisst: „So hat der Komponist das aber nicht geschrieben.“ Frauen sind ihm gern zu dick oder seiner Meinung nach unvorteilhaft gekleidet. Männer, die zu sehr ihr eigenes Ding machen, sind ihm höchst suspekt. Jeder starke Charakter, der mal ein Widerwort wagt, wird sofort rausgekickt. Tja.

Authentizität im Job

Auch im Job ist Authentizität angeblich total gefragt. Spannende Persönlichkeiten, Querdenker, Kreative sollen „ihre ganze Persönlichkeit einbringen“. Ich habe ehrlich gesagt – gerade in der Führungsetage – nur sehr wenige Menschen getroffen, die wirklich authentisch rüberkamen und keine Maske trugen. Oder wenigstens ab und zu mal die Maske abnahmen. Ich kann das von mir auch nicht behaupten, dass ich immer authentisch war – das hat mich ja so fertig gemacht.

Als Führungskraft steckt man ja in dem Dilemma, beim Team einerseits glaubwürdig rüberkommen zu wollen und andererseits aber auch Dinge vertreten und durchsetzen zu müssen, die man idiotisch findet, ablehnt oder vielleicht sogar gern verhindern würde.

Gleiches gilt für Mitarbeiter, die direkt mit den Kunden zu tun haben. Ganz authentisch mit schlechter Laune arbeiten? Hab ich als Barkeeperin manchmal gemacht. (Und Ihr werdet lachen, da gab’s das meiste Trinkgeld. Die Gäste wollten mich wohl aufheitern.) In Berlin lässt sich überall gnadenlos authentischer Nicht-Service beobachten.

Ganz authentisch schlecht

Neulich wieder an der Tanke, eine junge Frau vor mir fragt ein bisschen leise nach einer Zigarettenmarke. Der Verkäufer: „Ick hab kein einziges Wort verstanden.“ Puh! Mir zieht sich da immer alles zusammen. „Wie bitte?“ oder „Könnten Sie das bitte wiederholen?“ scheint mir angemessener. Aber das wäre dann natürlich nicht authentisch, denn authentisch ist, dass der Verkäufer offensichtlich nichts Besseres im Repertoire hat. Oder das es ihm egal ist, wie es ankommt.

Andererseits ist die Anforderung, sich im Job permanent verstellen zu müssen, also auf Knopfdruck freundlich oder bestimmt oder verständnisvoll sein zu müssen, auch keine Lösung. Die dabei zu leistende emotionale Arbeit oder gar Schauspielerei kann überfordern und sogar krankmachen.

Und hier kommen wir zum nächsten Punkt. Authentisch und professionell zu sein, scheint sich zu widersprechen. Es sei denn, man ist als kleine Führungskraft schon im Anzug geboren und spricht auch in seiner Freizeit Business Bullshit. (Das hab ich mich bei einigen Führungskollegen gefragt, ob die zuhause auch so reden. Beim Sex: „Ich bin da gerade ganz bei Dir, ich komme zeitnah! Nächstes Mal aber bitte vorher bilateral klären, wer hier den Hut auf hat, ja?“) 😛

Authentizität vs. Professionalität

Der Kommunikationspsychologe Friedemann Schulz von Thun hat das Spannungsfeld zwischen Authentizität und Professionalität in einem Wertequadrat aufgezeigt. An zwei Ecken die Extreme: Wer zu authentisch ist, macht sich zum Clown.

Wertequadrat nach Friedemann Schulz von Thun

Wertequadrat nach Friedemann Schulz von Thun

Ich hatte da mal einen Kollegen Führungskraft, der war manchmal clownesk authentisch. Er sprach spontan das aus, was wir alle dachten, aber aus taktischen Gründen (oder Vorsicht oder Angst oder Resignation) gegenüber den Oberhäuptlingen nicht aussprechen wollten. Das war jedesmal der Brüller. Irgendwie treudoof, aber irgendwie auch Respekt heischend. (Seine Vorstöße haben übrigens fast nie etwas gebracht, was wiederum den Rest von uns in unserer Nicht-Authentizität bestärkt hat.)

Manchmal ging seine Authentizität auch völlig daneben. Vor einem Meeting gab er mir mal die Hand und auf meinen Ausruf „Oh, Sie haben aber nasse Hände!“ kam von ihm: „War gerade auf Toilette.“ Ähm, ja, thanks for sharing.

Trotzdem halte ich sowas für eher selten. Viel häufiger dürfte das Gegenteil sein: die tiefsitzende Angst davor, nicht seriös oder professionell zu erscheinen. Sie hindert viele Menschen daran, im Job sie selbst zu sein. Gerade in konservativen deutschen Unternehmen ist Arbeit immer noch eine höchst ernsthafte Sache. Wer da zu locker rüber kommt, wird nicht für voll genommen. Das Ergebnis ist eine auf die Spitze getriebene Professionalität, die etwas Roboterhaftes hat. Und Business Bullshit.

Ein Extrembeispiel dafür ist das Amtsdeutsch, das ja genau dafür erfunden wurde: um eine möglichst große Distanz zwischen die Beamten und das gemeine Volk zu bringen. Deshalb wirkt es auch so komisch, wenn der Polizist fragt: „Ist das Ihr Fahrzeug?“ Total unauthentisch, so redet doch keiner. Ein normaler Mensch würde „Auto“ sagen.

Übrigens kann ich mir vorstellen, dass das auch für die Polizei ein Dilemma ist: Einerseits will die moderne Polizei menschlicher rüberkommen und Sozialkompetenz zeigen, andererseits bleibt die steife Sprache.

Ist eine Balance möglich?

Laut Schulz von Thun liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte, also zwischen Clown und Roboter. Seiner Meinung nach geht es darum, sich sowohl authentisch als auch professionell zu verhalten. Ich finde, das ist leichter gesagt als getan.

Wenn Persönlichkeit und Jobanforderungen zufällig deckungsgleich sind, ist das kein Problem. Wenn ich also sowieso supergern und lecker koche und gut erklären kann, bin ich eine absolut authentische und gleichzeitig professionelle Fernsehköchin. (Ein ziemlich weit hergeholtes Beispiel. 😉 )

Jemand, der gern rumkommandiert, ist als Kommandeur sicher total authentisch. Eine mütterliche Frau gibt eine tolle Kindergärtnerin ab. Ein leutseliger, lustiger Typ ist ein prima Animateur. Aber oft ist es ja nicht so eindeutig, sondern es werden eine Menge verschiedener Kompetenzen im Job von einem erwartet, von denen manche mehr der Persönlichkeit entsprechen, manche weniger.

Hinzu kommt: Viele Unternehmen sind so verdammt unauthentisch, um nicht zu sagen gekünstelt in ihrem Auftreten nach innen und außen – wie soll man da als Mitarbeiterin authentisch sein?

Übrigens habe ich das Thema mal auf einem Barcamp mit einigen Leuten diskutiert und dort schlug das Pendel sehr stark Richtung Authentizität aus. Da ist er wieder, der Fetisch. Dabei ist Authentizität gar nicht so leicht, denn in Filmen und Werbung werden hauptsächlich Klischees verbreitet und wiedergekäut.

Ich habe den Eindruck, dass viele Menschen gar nicht mehr wissen, wie Authentizität geht. Bilder und Klischees davon, wie etwas oder jemand wohl sein müsste oder sollte, ersetzen die reale Erfahrung. (Dazu in einem anderen Blogbeitrag mehr.) Von den Inszenierungen bei Instagram und anderen sozialen Medien ganz zu schweigen.

Was ist Authentizität?

Kiek an, bei Wikipedia gibt’s sogar eine Defintion für Authentizität: „sich gemäß seinem wahren Selbst, d. h. seinen Werten, Gedanken, Emotionen, Überzeugungen und Bedürfnissen auszudrücken und dementsprechend handeln, und sich nicht durch äußere Einflüsse bestimmen lassen. (Harter, 2002)“ Beispiel: Dieter Bohlen.

Vier Kriterien müssen erfüllt sein, damit man sich selbst als authentisch erlebt (Kernis, Goldman, 2006):

  • Bewusstsein – Selbsterkenntnis durch Selbst- und Fremdwahrnehmung und Selbstreflexion
    Alrighty, da hört es auch schon bei vielen auf. Wenn ich irgendwas in der Führungsetage vermisst habe, dann Selbstreflexion. Und je höher man guckt, desto weniger scheint das nötig zu sein. Oder es ist vielleicht auch gefährlich, sich selbst zu hinterfragen und Feedback einzuholen. Das könnte einen ja verunsichern, wenn man mitbekommt, dass man Mist genaut hat. Dann muss man vielleicht Entscheidungen zurücknehmen oder sich entschuldigen – geht gar nicht. 😛
  • Ehrlichkeit – sich selbst ehrlich wahrnehmen und auch unangenehme Rückmeldungen akzeptieren
    Puh, ja, siehe oben. Die Selbstwahrnehmung wird am besten runtergefahren, sonst kann man in vielen Organisationen gar nicht überleben. Oder anders ausgedrückt: Würde der innere Kompass funktionieren, würde er vermutlich zur Tür zeigen.
    Und wer ganz oben ist, will meistens keine Rückmeldung, schon gar keine unangenehme. Wozu sollte man sich das antun? Das kann ätzend sein: Wenn man Pech hat, hat man Mitarbeiter, die ihre ganzen Projektionen auf einem abladen. Aber die paar Male, wo ich Feedback bekommen habe, das mich richtig angepisst hat, hat sich das hinterher als ziemlich wertvoll herausgestellt. 😛
  • Konsequenz – nach seinen Werten und Überzeugungen handeln, auch in dem Fall, dass man sich dadurch Nachteile einhandelt
    Auch das sehe ich nicht oft in Unterneghmen. Das Totschlagargument ist dann meist: „Naja, es macht ökonomisch Sinn.“ (Was oft gar nicht stimmt bzw. nie ausgerechnet wurde.) Damit werden dann Dinge durchgedrückt, die eigentlich nicht OK sind. Immerhin kann ich für mich sagen, dass ich ein paar Kunden abgelehnt oder Jobs gekündigt habe, weil sie gegen meine Werte verstießen. Das werde ich noch verschärfen. Wenn es wirklich um die Wurst geht, muss man kämpfen.
  • Aufrichtigkeit – sein wahres Selbst, mit seinen positiven wie negativen Seiten, in sozialen Beziehungen offen zeigen
    Ich behaupte mal, es gibt wenige Organisationen, die sowas aushalten können. Die meisten wollen nur die positiven Seiten, Kreativität, Organisationstalent, Begeisterung und so. Ich weiß gar nicht, ob ich das selbst aushalten könnte, wenn jeder den Authentischen macht – wo ich doch schon bei sinnlosem Dumpfgelaber innerlich ausraste.

Wikipedia schreibt übrigens noch: „Gruppenzwang und Manipulation unterwandern persönliche Authentizität.“ Das würde erklären, warum sie in HORGs so selten ist.

Authentizität klingt eigentlich ganz gesund und erstrebenswert – sie ist nur nicht so leicht umzusetzen in einer, ähem, feindlichen Umgebung. Wem es wichtig ist, im Job authentisch sein zu dürfen, der muss sich eine Organisation suchen, die das auch wichtig findet und damit umgehen kann. Ab und zu mal den Clown zu geben, finde ich dann nicht so schlimm.

Oder wie der Schriftsteller Frederick Douglas es ausdrückte:

Ich ziehe es vor, mir selbst treu zu sein, selbst auf die Gefahr hin, dass andere mich lächerlich finden, anstatt falsch zu sein und Abscheu vor mir selbst zu empfinden.

Authentizität ist ein wertvoller Wegweiser. Sie sorgt dafür, dass man sich selbst treu bleibt. Wer seine Authentizität durchzieht, wird kaum im falschen Job landen (weil er da automatisch rausfliegt 😀 ). Dieter Bohlen kann das bestätigen:

Wenn ich immer getan hätte, was andere von mir erwarten, dann hätte ich jetzt eine Brille auf der Nase und wäre Steuerberater.

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