Entweder sie lesen sich wie die Wunschliste einer Sechsjährigen oder wie die Suchkriterien für die eierlegende Wollmilchsau: Stellenanzeigen. Darin beschreiben Unternehmen ausführlich, was Bewerber alles mitbringen sollen. Vergessen aber gern mal, dass auch die Angesprochen heute umworben werden wollen. 

Auf der Autobahn gen Süden. Irgendwo in Thüringen im Autoradio: Was salbadert diese monotone Stimme? Tatsächlich, der Moderator des Vogtlandradios liest Stellenanzeigen vor.

Mal abgesehen davon, dass der Unterhaltungswert auch ohne seine lieblose Vortragsweise irgendwo im Minusbereich lag, fiel mir noch etwas auf: Nicht eine einzige der annoncierenden Firmen war auf die Idee gekommen mitzuteilen, was sie eigentlich zu bieten hat.

Es hieß immer nur: „Ihre Aufgaben sind… Sie bringen mit… Wir erwarten von Ihnen…“ Offensichtlich ist das Thema Fachkräftemangel im Vogtland noch nicht angekommen.

Dabei haben Bewerber heutzutage mehr Auswahl: Theoretisch steht einem die ganze Welt offen – dank Jobsuchmaschinen.

Bewerbern steht die Welt offen

Man kann mit ein paar Klicks herausfinden, welchen Ruf eine Firma hat, wie die Unternehmenskultur aussieht. Wie viel man in welcher Position verdient. Wer unbedingt will, kann sogar über soziale Netzwerke wie XING Kontakt zu potenziellen Kollegen aufnehmen und aus erster Hand erfahren, worauf er sich einlässt.

Und Bewerbungen kann man mit einem Klick absenden. Wenn man möchte, 100 Stück. Kostenlos. (Was war das früher für ein Aufwand? Zeugnisse im Copyshop farbig kopieren, zum Fotografen gehen, Bewerbungsmappen im Schreibwarenladen kaufen, fertige Briefe zur Post bringen. Alles nicht mehr nötig.)

Dieses Mehr an Transparenz und Zugänglichkeit bedeutet auch: Bewerber lassen sich von Unternehmen nicht mehr ein X für ein U vormachen. Noch sitzen sie vielleicht nicht oben auf der Wippe – aber die Wippe kippt und kippt…

Bewerber: Immer noch behandelt wie Bittsteller

Nur, dass sich offensichtlich viele Unternehmen darüber noch nicht im Klaren sind. Und deshalb werden Bewerber weiter wie Bittsteller behandelt. Denen muss man nicht klar machen, was man ihnen anzubieten hat. Sollen froh sein, wenn sie überhaupt einen Job abkriegen – vor allem wohl im Vogtland.

Gewünscht: Kultur der Augenhöhe

Tja, wenn wir eine Kultur der Augenhöhe in Unternehmen wollen, sollten Stellenanzeigen wohl etwas anders aussehen. Und bei dem Absatz „Wir bieten“ kann man gleich mal anfangen:

In vielen Stellenanzeigen (siehe Vogtlandradio) fehlt dieser Part ganz – sie sind sozusagen Einbahnstraßen. Und wenn es ihn gibt, sagt er oft nichts aus:

Bildschirmfoto 2015-10-07 um 21.22.03

Wow! Da fällt dem Bewerber die Kinnlade runter. Tatsächlich, die Tätigkeit ist anspruchsvoll? Ist das jetzt gut oder schlecht? Das Team ist hoch motiviert und kreativ – soll eigentlich heißen: „Wir hoffen, Sie sind es auch.“

Es gibt Möglichkeiten zur eigenen Entwicklung – Wahnsinn. Welche denn? „…in der kontinuierlich wachsenden Unternehmensgruppe“ klingt, als würde mit Beförderung gedroht. Aber nur ganz unterschwellig. Merken Sie was? Dieser Absatz enthält nichts als Worthülsen. Aber schauen wir uns die nächste Anzeige an:

Bildschirmfoto 2015-10-07 um 21.23.34

Auch hier Begeisterung pur! Man wird ordentlich bezahlt und darf sich irgendwann weiterentwickeln. (Was das einzigartige Produkt unter „Unser Angebot“ soll, weiß keiner. Auf jeden Fall ist man wohl sehr stolz drauf.)

Der Mensch darf selbstständig und eigenverantwortlich arbeiten – sind das nicht Selbstverständlichkeiten heutzutage? Und auch Punkt 4 sagt wenig aus und vor allem – er kostet das Unternehmen nichts.

Worauf Sie bei Stellenanzeigen achten sollten:

1. Was bin ich?

Viele Anzeigen erinnern an das heitere Beruferaten mit Robert Lembke. Ein „Wissenschaftlicher Mitarbeiter (m/w) mit Schwerpunkt Mensch-Technik-Interaktion“? Aha. Und was bitte ist ein „Penetration Tester/Security Consultant“? Vom ITler bis zum Kondomverkäufer ist da alles möglich.

In vielen Branchen sind Jobs nicht klar definiert oder werden hinter schwer durchschaubaren englischen Titeln versteckt. Wann ist es eigentlich uncool geworden, Berufe auf Deutsch zu bezeichnen?

Wann ist es eigentlich uncool geworden, Berufe auf Deutsch zu bezeichnen?

Mitunter werden auch Bezeichnungen für unterschiedliche Jobs als Synonyme verwendet, zum Beispiel Office Manager und Executive Assistant. Da tut sich der Verdacht auf, dass das Unternehmen selbst nicht so genau weiß, was der neue Mitarbeiter eigentlich tun soll. Wird sich dann schon herausstellen…

Und Vorsicht bei Stellen, die gleich drei Jobs beinhalten, zum Beispiel PR-/Fundraising-/Public Affairs-Specialist. Denn es wird vermutlich nur ein Gehalt geben.

2. … und wenn ja, wie viele?

Ist man in der ausgeschriebenen Position Einzelkämpfer, Teil eines Teams (und wenn ja: von wie vielen Mitarbeitern) oder Führungskraft? Wo steht man im Team oder in der Hierarchie? An wen berichtet man? Diese Informationen fehlen in vielen Stellenanzeigen.

3. Wie viel arbeite ich?

Na, Vollzeit natürlich! Zumindest scheinen viele Firmen dies vorauszusetzen, so dass sie es nicht für nötig halten, das dazuzuschreiben. In der Schweiz hingegen ist es gute Praxis, die Arbeitszeit als Prozentzahl hinter die Jobbezeichnung zu setzen, z.B. 80% als Teilzeitoption. Oder noch besser: einen Spielraum, z. B. von 70 bis 100%.

4. Was verdiene ich?

Autsch, ein Riesentabu in Deutschland! Dass es geht, zeigen Nichtregierungsorganisationen. Dort schreibt man ungerührt das Jahresgehalt in die Anzeigen.

Die meisten deutschen Firmen hingegen leisten sich den Luxus, die Gehaltsfrage auf den Bewerber abzuwälzen: „Bitte nennen Sie Ihren Gehaltswunsch.“ Der bewirbt sich also blind auf Stellen, die er vielleicht gehaltsmäßig völlig falsch einschätzt. (Das kann leicht passieren bei schwammigen Produktbezeichnungen wie in Punkt 1.)

Oder man klärt die Frage nach dem Geld schamhaft als allerallerletztes – so in der dritten Bewerbungsrunde. Diese Zeit- und Ressourcenverschwendung könnte man sich sparen, wenn man von Anfang an die Karten auf den Tisch legt.

5. Was muss ich mitbringen?

Hier werden häufig nur fachliche Kompetenzen genannt, dabei werden Persönlichkeitsmerkmale immer wichtiger. Jemand, der ungern kommuniziert oder verhandelt, ist in der Kundenberatung falsch. Auch wenn man Reiselust oder ein Faible für Statistiken mitbringen sollte, wäre das gut zu wissen.

6. Was bietet mir das Unternehmen?

Vorsicht bei Plattitüden à la „modern ausgestatteter Arbeitsplatz“ (oh, ein Computer?!), „Work-Life-Balance“ und „nettes Team“ – das ist heiße Luft. Ein gutes Zeichen sind dagegen konkrete Belege für eine wertschätzende Unternehmenskultur.

Das können finanzielle Benefits sein wie eine ÖPNV-Karte oder ein Fahrtkostenzuschuss, Essensmarken, vermögenswirksame Leistungen und eine Altersvorsorge.

Oder Sozialleistungen wie ein Betriebskindergarten, eine positive Einstellung zur Elternzeit, ein Krisentelefon für Mitarbeiter, flexible Teilzeit, Sabbaticals. Konkrete Weiterbildungsformate sollten benannt werden: E-Learning-Programme, interne oder externe Seminare. Frisches Obst, Kaffee und eine Weihnachtsfeier sind nett – aber lassen Sie sich davon nicht beeindrucken.

Wenn einer dieser Punkte in einer interessanten Stellenanzeige fehlt, hilft nur der Griff zum Hörer. Und damit wären wir bei Punkt 7:

7. Wer gibt mir Auskunft?

Automatisierte Bewerbungsprozesse sind schön – aber bei Fragen sollte den Bewerbern ein menschlicher Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Das Angebot, sich vor der Bewerbung ein genaueres Bild vom Job zu machen, sollten Sie nutzen.

Linktipps: