Die Welt ist voller Jobklischees. Vermutlich versteht niemand wirklich, was ein anderer Mensch beruflich macht. Außer vielleicht bei alteingesessenen Berufen: Der Tischler ist immer noch mit seinem Hobel unterwegs, der Bauer melkt seine Kühe, der Elektriker verlegt Leitungen. Oder? Sicher sein kann man sich nicht – spätestens seit der Kfz-Mechaniker in Kfz-Mechatroniker umbenamst wurde. Weil er jetzt auch mit Elektronik zu tun hat.

Und es soll tatsächlich Bauern geben, die einen Teil ihres Arbeitstags am Computer verbringen, um dort Daten über ihre Tiere oder die Bodenbeschaffenheit zu verarbeiten. Aber das Jobklischee lebt, nicht zuletzt in Sendungen wie „Bauer sucht Frau“: nur echt mit Heuhaufen-Deko und erdverschmiertem Trecker.

Schwieriger wird’s dann schon beim Fonds-, Projekt- oder Feelgood-Manager. Überhaupt wird eine Menge gemanagt heute. Und wer nicht managt, berät. Unternehmensberater, Kommunikationsberater, Vermögensberater. Ihre Tätigkeit lässt sich kaum noch in einem knackigen Satz beschreiben. Den Versuch ist es jedoch wert – auch, um sich selbst Klarheit zu verschaffen, was man da eigentlich so treibt.

Früher, als das die Banker noch Bankiers hießen, galt dieser Beruf als ehrenwert. Doch das änderte sich mit einem Schlag: Wer eben noch das Bild vom Einstecktuch tragenden Gentleman im Kopf hatte, dachte nun: Abzocker! Spätestens seit der Pleite der Lehman Brothers und der darauffolgenden Finanzkrise wird die Berufsbezeichnung Banker gern um das Wort „gieriger“ ergänzt. Auch die Kunden wurden aggressiver – und einfache Bankangestellte brachen heulend hinterm Schalter zusammen, weil sie für das Fehlverhalten von Top-Managern verantwortlich gemacht wurden. Offensichtlich fällt es Kunden manchmal schwer, den Menschen hinter einem System zu sehen. In Krisenzeiten triumphiert eben das Klischee.

Der Dämon sitzt immer auf der anderen Seite des Schreibtischs

Ähnlich ergeht es den Krankenkassenmitarbeitern. Dem Jobklischee zufolge sind sie bösartig und haben auch noch eine diebische Freude daran, die Anträge der Kranken abzulehnen. So ist es aber nicht. Natürlich befindet sich eine Versicherung per se in einem Dilemma: Sie soll den Kunden möglichst gut versorgen, muss gleichzeitig aber aufpassen, dass es nicht zu teuer wird. Das ist ungefähr so, als wenn ein Supermarkt aufpassen müsste, dass die Kunden nicht zu viel einkaufen. Diesen Spagat täglich zu meistern – das ist die Crux bei der Arbeit eines Kundenberaters.

Viele Kunden wiederum verstehen das Prinzip der gesetzlichen Krankenversicherung gar nicht. Gesetz! Es geht – genau wie bei Beamten – darum, anhand von Gesetzen (und eben nicht nach Nase) zu entscheiden, wer was bekommt. So soll Willkür verhindert werden. Deshalb sind die Angestellten der Krankenkassen, die sich selbstironisch Sofas nennen (die gebräuchliche Abkürzung für Sozialversicherungsfachangestellte), auch keine Mediziner, sondern eher Mini-Juristen, die das Sozialgesetzbuch in- und auswendig kennen. Und deshalb bringt es auch nichts, wie verrückt um eine Leistung zu kämpfen, die das Gesetz partout nicht hergibt.

Dass dieses System trotzdem nicht immer gerecht ist, dass es bürokratisch zugeht, dass natürlich der Einzelfall oft tragisch ist und man gern mehr oder etwas Besseres hätte – kein Zweifel. Trotzdem sollte man nicht vergessen, dass auch bei der Krankenversicherung Menschen hinterm Schalter sitzen. Menschen, die vielleicht selbst mal schwer krank waren, die ihre Mutter bis zum Tod gepflegt haben oder ein schwerbehindertes Kind haben. Dort arbeiten überdurchschnittlich viele Idealisten, die Menschen helfen wollen.

Mehr als nur Fachidioten

Oft bildet das Jobklischee nur einen kleinen Teil dessen ab, was die Arbeit eigentlich ausmacht. In den meisten Berufen reicht Fachwissen nicht mehr aus, sondern zusätzlich ist eine sehr hohe Sozialkompetenz, auch Soft Skills genannt, gefragt. Das kann nicht jeder immerzu leisten. Genau das ist es auch, was vielen Menschen zu schaffen macht und einige in den Burnout treibt. Oft heißt es dann:

„Es ist nicht der Job AN SICH, der anstrengend ist, sondern das ganze Getüddel mit Kunden, Chefs, Kollegen, Lieferanten. DAS macht mich fertig!“

Dem entkommt nicht mal, wer sich für ein Leben hinter dem Computerbildschirm entscheidet. Selbst Programmierer tun viel mehr, als nur Code in den Computer zu hacken. Sie müssen erstmal sensibel herausfinden, was der Kunde will und braucht. Und das dann fehlerfrei umsetzen – inklusive der spontanen Eingebungen und Änderungen des Auftraggebers sowie diverser Missverständnisse. Entgegen der landläufigen Meinung brauchen also gerade die größten Nerds eine Menge Fingerspitzengefühl im Umgang mit Kunden.

Eines der hartnäckigsten Jobklischees ist wohl das des Strickjacke tragenden Sozialarbeiters, der gerne erst mal alles ausführlich durchdiskutieren möchte, „aber nur, wenn das für Dich OK ist, Du“. Wie stark sich soziale Organisationen in der Realität gerade verändern, kann man hier wunderbar nachvollziehen. Von Strickjacke oder Latzhose keine Spur.

Vielleicht sollte jeder für sich mal hinterfragen, was er selbst dafür tut, um Jobklischees zu verstärken oder zu brechen. Manche Menschen laufen nämlich als ihr eigenes Klischee durch die Welt – und beschweren sich dann über das Bild, das sie abgeben.

Jobklischees sind Bilder

Wenn man etwas über Jobklischees lernen möchte, braucht man sich nur mal die Google-Bildsuche zum Begriff „Bauer“ anzuschauen. Ein Bild sagt eben mehr als tausend Worte… Genau deshalb gab es vor einiger Zeit einen Fotowettbewerb namens #womeninbusiness von Edition F und dem Handelsblatt, der visuelle Klischees über Geschäftsfrauen brechen wollte. Doof ist nur: 99 Prozent aller Geschäftsfrauen präsentieren sich selbst megaklischeehaft im Netz (und in der Realität): dunkles Jackett, helle Bluse, Kragen raus. Bunte Haare sind da eher selten. Oder wie wär’s mal mit ’ner Latzhose?

Bibliothekarinnen hingegen existieren einerseits erst ab einem bestimmten Alter, zum anderen dürften sie unter Strickjacken-Generalverdacht stehen. Sie wehren sich vehement gegen das Jobklischee, sie würden den ganzen Tag lesen oder „Pssssst!“ rufen.

Theaterpädagoginnen hingegen zwingen Erwachsene zu Ringelpietz mit Anfassen – jawohl! It’s a dirty job, but somebody’s gotta do it. Schließlich ist an jedem Klischee auch etwas dran – sonst würde es nicht existieren. Irgendwie helfen uns Klischees ja auch, eine wenigstens nebulöse Vorstellung von einem Job zu entwickeln. Aber es lohnt sich, mal genauer nachzufragen: Was machst du eigentlich? Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass man ein paar der Jobklischees im Kopf los wird.

Linktipps:

  • Zahlreiche Berufebilder finden sich in der Datenbank des Arbeitsamtes
  • Auf der Plattform www.whatchado.com/de/ erzählen Menschen von ihrem Beruf. Nach den Angaben des Portalbesuchers werden ihm weitere Vorschläge für möglicherweise passende Jobs gemacht.

Dieser Text basiert auf der Blogparade #nichtwiedudenkst und erschien in ähnlicher Form zuerst auf Lydia Krügers Blog Büronymus. Der Part über die Krankenkassenmitarbeiter beruht auf eigenen Erfahrungen.