Mit Sicherheit lässt sich nicht voraussagen, was die kommenden Jahre an Wandel für die Wirtschaft in Deutschland bedeuten. Dafür gibt es momentan sehr viele, vielleicht auch zu viele Faktoren, die hier zusammen kommen. Spannend wir aber für uns alle die Frage, welche Fähigkeiten und Qualifikationen es in den nächsten Jahren und Jahrzehnten braucht, um zukunftsfähig zu bleiben.

Bewusst soll hier nicht von einer Karriere 4.0 gesprochen werden, ganz analog zur Industrie 4.0 oder auch zur Wirtschaft 4.0. Industrie 4.0 ist ja zunächst ein Begriff, der von X und X gesetzt wurde. So ein Schlagwort ist ja an sich nicht schlecht, um auch die notwendige Aufmerksamkeit für ein Thema zu erzielen.

Karriere 4.17 geht also über dieses Schlagwort hinaus. Der Begriff zeigt, dass es viele Faktoren der Unsicherheit gibt – und sich einiges erst in der Zukunft zeigen wird.

Zunächst einmal ein Überblick über die Änderungen, denen sich Deutschland und die Welt in den nächsten Jahren gegenübersieht:

  • Einwanderung: Auch wenn die Zahlen nicht noch nicht ganz belastbar sind, kann man davon ausgehen, dass viele Hunderttausende Syrer und Flüchtlinge aus anderen Ländern nach Deutschland kommen werden, um Asyl bitten werden und – im Falle der Syrier – auch bekommen werden. Für Deutschland bedeutet dies eine riesige Chance. Viele syrische Flüchtlinge sind gut ausgebildet und wollen sich ein neues Leben aufbauen. Wenn hier die Integration gelingt, bedeutet das eine Entlastung für den durch den demographischen Wandel angespannten Arbeitsmarkt.
  • Demographischer Wandel: Der Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszky geht in seinem Buch „2025 – So arbeiten wir in der Zukunft“ davon aus, dass 6,5 Millionen Menschen in den nächsten zehn Jahren vom Arbeitsmarkt verschwinden werden. Für die Menschen, die in Rente gehen, gibt es viel weniger junge Leute, die nachfolgen. Auch wenn durch Einwanderung ein Teil der Lücke geschlossen werden kann, geht er davon aus, dass es 2015 zwischen 2,0 und 5,2 Millionen unbesetzte Jobs geben wird. Außerdem wird sich das Verhältnis Festangestallte/Selbständige ändern und zwar insofern, dass es mit 30 bis 40 Prozent weniger Festangestellte geben wird als heute. Im Gegensatz dazu wird der Anteil der Selbständigen auf 20 Prozent steigen [Interview Sven Gábor Jánszky mit wollmilchsau, November 2013] . Der demographische Wandel wird sich allerdings nicht überall gleich auswirken: So wird es zu einem Gefälle zwischen Boom-Regionen und sterbenden Regionen kommen. Und auch für Unternehmen wird sich die Suche nach Arbeitskräften unterschiedlich darstellen: Unternehmen, die sich frühzeitig auf den Wandel am Arbeitsmarkt einstellen, können diesen aktiv mitgestalten und eigene Konzepte entwickeln, zum Beispiel zu „Caring Companies“ oder fluiden Organisationen werden, so Jánszky.
  • Digitaler Wandel: Kommen wir endlich zum Stichwortgeber, der allerdings nicht ohne die anderen Faktoren zu betrachten ist. In diesem liegt zunächst einmal eine Chance: Denn wenn es durch den Demographischen Wandel weniger Arbeitskräfte zur Verfügung stehen und dies auch nicht durch Einwanderung ausgeglichen werden kann, bedeutet der Wegfall von Arbeitsplätzen ja rein rechnerisch einen Ausgleich. Also: Weniger Arbeitskräfte durch den demographischen Wandel werden ausgeglichen durch Migration und digitalen Wandel.
Schön wär´s.

Denn wenn wir das Szenario mal nicht auf der Meta-Ebene betrachten, sondern uns auf den Menschen konzentrieren, dann wird es weniger kuschelig – und bedeutet für jeden einzelnen eine Riesenherausforderung. Auf der Seite von sueddeutsche.de konnte man dazu recherchieren, ob der eigene Job durch Digitalisierung gefährdet ist:

University of Oxford

Quelle: University of Oxford

Während hier allerdings wahrscheinlich korrekt angezeigt wird, das zum Beispiel im Bankenwesen und im Finanzbereich sehr viele Stellen wegfallen werden, zeigt das Tool im Technikbereich kaum Jobverluste. Dabei legen zum Beispiel Ralf T. Kreutzer und Karl-Heinz Land in ihrem Buch „Digitaler Darwinismus: Der stille Angriff auf Ihr Geschäftsmodell und Ihre Marke. Das Think!Book“ dar, dass es kaum eine Branche geben wird, die nicht vor einer Umwälzung steht.

Hierzu ein paar Beispiele:

  • Handel: Auch wenn der Wandel hier bereits weit gediehen ist, ist hier das Ende sicher noch lange nicht erreicht. Vor allem der Lebensmitteleinzelhandel verfügt in Deutschland über eine relativ starke Basis, weil es eine gute Versorgung und kleine Margen gibt. Hier bleibt abzuwarten, was in den nächsten Jahren passiert. In der Bekleidung, im Buchhandel, im Elektronikmarkt, in der Erotikbranche verzeichnet der Handel im Onlinebereich starke Wachstumsraten.
  • Medienbranche: „Print ist tot!“ – In den letzten Jahren schwanden Auflagen gedruckter Zeitungen und Zeitschriften enorm. Viele Titel schwanden daraufhin vom Markt. Selbst wenn dadurch wiederum Stellen im Online-Journalismus entstanden sind, gleichen diese auf der einen Seite nicht die Stellen im Print aus. Aber auch in der Druckbranche wurden Stellen abgebaut. Weniger Druckereien bedeuten aber auch weniger Druckmaschinen, also weniger Ingenieure etc.
  • Tourismus: Mit Air´n´B entstand ein vollkommen neuer Zweig für Übernachtungen, der Hotels und Pensionen zu schaffen macht. Hier fallen zahlreiche Jobs weg, die auch weniger Qualifizierten offen standen.
  • Verkehrswesen: Wenn Mobilität anders gelebt wird, zum Beispiel von Unternehmen wie Uber, aber auch durch die Shared-Economy, werden weniger Autos benötigt. Geringerer Absatz von Automobilen bedeutet gleichzeitig aber auch weniger Stellen für Ingenieure, Autoverkäufer, Logistiker, Zulieferer etc.
Entscheidend: Bildungswesen

Eine Branche fehlt in dieser Auswahl oben allerdings noch, die eine Sonderstellung einnimmt: die Bildungsbranche. Hier muss sich einiges ändern, damit wir der Nachwuchs unseres Landes und auch neue Bürger genau die Fähigkeiten und Qualifikationen erlangen können, die in Zukunft wichtig, wenn nicht gar existenziell werden.

  • Technische Ausstattung: Schulen und Hochschulen müssen technisch auf der Höhe sein, um Schülern und Studenten zur Seite stehen zu können. Damit ist nicht unbedingt gemeint, dass jede Schule immer mit dem neuesten Tablet ausgestattet sind. Sondern eher, dass es an jeder Schule Lehrer gibt, die sich wirklich mit der Digitalen Welt auskennen und weder Angst haben noch mit ihrer Unkenntnis kokettieren. 
  • Out-of-the-box-Denken: Oftmals wird an Schulen und Hochschulen noch zu sehr in den bekannten Berufen gedacht. Dabei gibt es mittlerweile Berufe, für die die Generation Z geradezu prädestiniert ist. Zum Beispiel: YouTube-Artist-Manager, ein Job, den es bis vor vier Jahren nach gar nicht gab.
Vom Großen zum Kleinen

Wenn wir nun die wirtschaftliche und gesellschaftliche Ebene herunterbrechen, stehen viele von uns vor großen Herausforderungen: Konkret kann man dabei zum Beispiel an den Journalisten denken, 45 Jahre alt, vor kurzem noch bei einer Lokalzeitung als Redakteur angestellt und nach Medientarif bezahlt. Nach zahllosen Umstrukturierungen hat es nun auch ihn erwischt und er findet sich als Arbeitsloser wieder. So wie ihm geht es vielen Kollegen. Also findet sich auch keine neue Stelle, auch benachbarte Bereits wie PR/Kommunikation sind überlaufen. Er hat aber noch 20 Jahre bis zur Rente, das Haus muss noch bezahlt werden und die Kinder sind auch noch nicht groß.

Wenn wir uns das ähnlich für den Bankbereich vorstellen, kann sich jeder vorstellen, welcher Wandel uns da sozial und persönlich bevorsteht. Über die Ingenieure haben wir noch gar nicht nachgedacht.

Was tun?  Die Karriere-4.17-Faktoren
Bild: eyelab/photocase.de

Bild: eyelab/photocase.de

  • Es gibt keine Sicherheit: Zunächst einmal sollte sich jeder einzelne klar machen, dass es keine absolute Sicherheit gibt. Es gibt Jobs, die sicherer sind und auch Arbeitgeber, die für mehr Beständigkeit stehen. Aber: Sicherheit ist ein Illusion.
  • Ein Netzwerk sollte da sein, wenn ich es brauche: Wenn ich erst dann anfange, eine Netzwerk aufzubauen, wenn ich es dringend benötige, ist es eigentlich zu spät. Wenn mein Job in Gefahr ist, muss ich wissen, wen ich anrufen kann, um um Empfehlungen, Tipps und Austausch zu bitten. Gerade, wer eine gute Stelle hat, vernachlässigt oft das Thema Netzwerken.
  • Weg mit dem Brett vor´m Kopf – lernfähig bleiben: Wer sich nie mit neuen Techniken beschäftigt, dem fällt es irgendwann immer schwerer, sich überhaupt an Neues heranzutrauen. Dabei geht nicht einmal nur um technische Geräte und Programme, sondern auch um neue Ideen, Gedanken, Methoden.
  • Unternehmerisch denken: Damit ist gar nicht mal gemeint, dass jetzt jeder Unternehmer werden sollte. Sondern eher, eine ökonomische Herangehensweise an Entscheidungen: Ein Unternehmer denkt zum Beispiel bei den Kosten für ein Seminar, eine Konferenz, ein Gerät nicht: Was kostet das? Sondern überlegt: Was bringt mir das? Er bringt also Kosten und Nutzen in einen Zusammenhang.
Fazit:

Der Digitale Wandel und Industrie 4.0 stellt uns vor eine riesige Herausforderung, wirtschaftlich, technisch, sozial. Wie sich welche Entwicklungen auswirken, lässt sich heute nur abschätzen. Es zeichnet sich aber ab, dass Digitalisierung und Migration Chancen für unsere alternde Gesellschaft beinhalten. Es liegt an uns, wie wir das gestalten. Jeder einzelne von uns hat es selbst in der Hand, diesen Wandel mitzugestalten. Stehenbleiben ist allerdings eher nicht angesagt! 

Bücher und Links zum Thema:

Ulf Brandes: Management Y: Agile, Scrum, Design Thinking & Co.: So gelingt der Wandel zur attraktiven und zukunftsfähigen Organisation. Campus 2014.

Catharina Bruns: Work is not a job. Was Arbeit ist, entscheidest du! Campus 2013. Hierzu auch noch die inspirierende Website: www.workisnotajob.de

Sven Gábor Jánszky: 2025 – So arbeiten wir in der Zukunft. Goldegg Verlag 2013.

Ralf T. Kreuzer, Karl-Heinz Land: Digitaler Darwinismus. Der stille Angriff auf Ihr Geschäftsmodell und Ihre Marke. Springer 2014

Bernd Rubel bei mobilegeeks: Ene, mene, muh – raus bist Du
Bankkaufmann, Steuerberater, Verkäufer, Versicherungsvertreter – Jobs, die es in 20 Jahren nicht mehr gibt

Blog zum BarCamp Arbeiten 4.0 mit Artikeln, Zusammenfassungen etc.

*Dieser Artikel entstand im Rahmen der Blogparade „Industrie 4.0: Chancen, Risiken, Ideen und Umsetzungen – was hat Deutschland zu bieten?“ des Futability-Blogs in Kooperation mit dem Ingenieurversteher-Blog.

 

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